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Der Deutsche Bundestag hat 54 Parlamentarier-Gruppen. Sie halten internationale Kontakte zu Parlamentskollegen, unterstützen mit ihren Erfahrungen den Aufbau von Gemeinwohl und Demokratie und setzen sich dafür ein, dass Menschenrechte geachtet werden. Es geht nicht darum, unsere Partner und Kollegen in den Entwicklungs- und Schwellenländern zu missionieren und mit erhobenem Zeigefinger zu belehren. Es ist vor allem ein Angebot. Denn die Entwicklungshilfe, ob von Nichtregierungsorganisationen oder staatlichen Institutionen gesteuert, braucht immer den Rückhalt der Politik – hier wie dort. Die deutsche Politik kann Erfolge honorieren und Fehler korrigieren, sie muss vor allem aber Rechtstaatlichkeit unermüdlich einfordern. Denn nur wenn Gesetze für alle gelten, Verwaltung und Justiz transparent agieren – nur dann ist Wirtschaftsförderung- und -ansiedlung auf Dauer möglich.

Ich bin Mitglied der Zentralasiatischen Parlamentarier-Gruppe, der 29 Frauen und Männer aus allen Fraktionen angehören. Für mich war die Delegationsreise vom 12. bis 20. Juni 2011 nach Tadschikistan und Kasachstan eine Premiere: die erste Fahrt dieser Art.

Hier ist mein Reisebericht.


Steppe und das goldene Ei des Vogels Samruk

Das goldene Ei 

Vorab ein Blick ins Programm und gleich die Ahnung: Viele Verschnaufpausen werden uns wohl nicht vergönnt sein.

Am Montagmorgen kurz vor 3.20 Uhr ist die Landebahn des Flughafen von Duschanbe schon in Sicht – Tadschikistan wir kommen! Doch mit der Landung in der Hauptstadt wird es nichts. Die Maschine dreht ab, und wir werden plötzlich nach Usbekistan umgeleitet. Erst in der Stadt Samarkand haben wir festen Boden unter den Füßen. Der ungeplante Umweg ist freilich nicht ohne Reiz. Samarkand gehört zu den ältesten Städten der Welt und liegt an der Seidenstraße, die das Mittelmeer mit Ostasien verbindet. Im Mittelalter wurde über diese Straße unter anderem Seide von China nach Europa transportiert.

Ungeplante Zwischenlandung in Samarkand

Ihr unumstrittener Star ist Marco Polo, der hier als Händler unterwegs war.

Ach wie gerne wären wir dort ausgestiegen und hätten uns die wunderschöne Stadt Samarkand angesehen, da es uns schon unverhofft dorthin verschlagen hatte. Aber das war nicht möglich: kein Visum und kein Zeit.

Reichlich verspätet kamen wir dann in Tadschikistan an – das Besuchsprogramm begann dafür ganz, ganz pünktlich.

Die deutsche Botschafterin Doris Hertramp empfing uns am Flughafen. Ihre Frische, Dynamik und Freundlichkeit umarmte uns regelrecht. Sie hieß uns von Herzen willkommen in einem Land, dass internationale Aufbauhilfen noch lange brauchen wird. Mit Blick auf das deutsche und europäische Engagement sagte sie: „Man erinnert sich immer an den Freund, der mit dir das Brot in schlechten Zeiten geteilt hat.“

Blumen für die deutsche Delegation um Dagmar Enkelmann (2.v.l.)

Tadschikistan ist ein sehr junges Land und zugleich auf eine Art müde und erschöpft. Ein Wunder ist das nicht. Denn nachdem sich Tadschikistan 1991 für unabhängig von der Sowjetunion erklärt hatte, versank es sofort in einen jahrelangen Bürgerkrieg zwischen islamischen Fundamentalisten und der Regierung. 

   

Im Zangengriff

 


Man kann es eben auch so sehen: Die Bürger sehnen sich nach Ruhe und einem Aufschwung. Und sie sind bereit, ihren Beitrag zu leisten. Tadschikistan steht erst am Anfang seiner Entwicklung.

Drei Wege sollen das Land aus der Sackgasse führen:

1.      Energiesicherung

2.      Nahrungsmittelzugang und Nahrungsmittelsicherung

3.      Unabhängigkeit von Usbekistan – Original-Ton: „raus aus der Zange“. 


Mehr als eine Million Tadschiken verdienen ihr Geld in Russland, weil es Arbeit und angemessenen Lohn in der Heimat kaum gibt. Die Einkommen dieser Gastarbeiter machen die Hälfte des tadschikischen Bruttoinlandprodukts aus. Nur so ist es überhaupt möglich, die Familien zu ernähren. Junge Leute werden sogar speziell für den russischen Arbeitsmarkt ausgebildet.


Wer in der Heimat bleibt, muss damit leben, dass es Strom im Durchschnitt nur zwei Stunden am Tag gibt. Wenn überhaupt. Strom – Quelle allen Fortschritts und unverzichtbarer Rohstoff für jede Wirtschaft der Welt – wird staatlich rationiert.

Deshalb ist der Bau des Staudamms Rogun eine nationale Aufgabe – allerdings auch schwer umstritten, international genauso wie in Zentralasien selbst. Schon jetzt ist der komplette Wasserhaushalt aus dem Gleichgewicht, der Aralsee trocknet aus, eine globale Klimakatastrophe. Die Tadschiken versuchen, ihr Land und ihren Boden zu rekultivieren und die Spuren vergessen zu machen, die die Kernwaffentests der sowjetischen Zeit hinterlassen haben.

Boden ist unendlich kostbar in einem Land, das nur sieben Prozent seiner Fläche landwirtschaftlich nutzen kann – der Rest ist Steppe und unwirtliches oder gebirgiges Gebiet.

Von der Sowjetunion hat Tadschikistan noch etwas geerbt: den maroden Zustand der Gebäude, in den sechziger Jahren erbaut.

   

Eine Sozialversicherung fehlt, und die Höhe der Rente erinnert an das Sprichwort: zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Sie beträgt 50 Somoni, umgerechnet zehn Euro. Im Monat. Viele Tadschiken empfinden sich als Verlierer der Wende nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa. Auch deshalb hat die Demokratie einen schweren Stand. Man verbindet mit ihr das Ende von Gewissheiten und den persönlichen Abstieg.

Besonders für die Frauen ging es bergab. Zu Sowjetzeiten waren sie überall im Riesenreich noch Heldinnen des Alltags, die die Familie durchbrachten und natürlich selber arbeiteten. Heute gibt es keine Kindergärten, keine Krippen, keine Arbeit. Die Kindersterblichkeit sinkt, ist aber immer noch viel zu hoch. 41 von 1000 Kindern sterben vor dem fünften Lebensjahr – in Deutschland sind es vier. Auch die Müttersterblichkeit ist laut Experten zehn- bis 20-mal so hoch wie in entwickelten Ländern.

Wir standen am Anfang einer interessanten, aber sicher nicht unbeschwerten Reise, die tiefe Einblicke, aber auch starke Gefühle versprach und immer wieder Kontraste: Schlichtheit und Armut der Steppe hier, die Moderne der Metropole Astana dort.

Dort strikt man an neuen Legenden, die dem Land eine Historie geben sollte. Wie Phönix aus der Asche entsteht diese faszinierende Stadt, in der der fabelhafte Vogel Samruk sein goldenes Ei legte. Tiefe Symbolkraft, große Visionen.

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