Aktuelles
Über mich
Wahlkreis
Meine Unterstützer
Bundestag
Europarat
Reden
Bundeswehr
Sport
Mein WM-Tagebuch
Landessportbund
Die größten Vereine
Sportförderung
Impressionen
Arbeit in Bildern
Meine Termine
Reiseberichte
Presse
CDU-Programm
Kontakt
English
Impressum

 

Mein WM-Tagebuch

(Hier gibt es das Heft als pdf-Dokument.)

Montag, 12. Juli (15. Eintrag)
Nach der WM ist vor der WM

Spanien ist Fußball-Weltmeister 2010. Aber das ist nicht alles, was von dieser WM bleiben wird. Hier sind die Trends des ersten Turniers auf dem afrikanischen Kontinent.

Staubsauger

Die besten Mannschaften des Turniers spielten nur mit einem Stürmer - Formation für Kenner: 4-2-3-1. Unverzichtbar ist im modernen Fußball die Doppelsechs, bekannt auch als Staubsauger vor der Abwehr. Die erfolgreichsten Staubsaugervertreter des Turniers heißen Bastian Schweinsteiger (>Superstar), Xabi Alonso, Busquets und Mark van Bommel (>Moderne Trainer). Vor der Doppel-Sechs agierte ein so genannter Achter. Nicht mehr ganz so modern ist der Zehner, auch klassischer Zehner genannt. Die traditionelle Formation 4-4-2 spielt nur noch England (>Ohne-Mannschaften). Der nächste Weltmeister wird wahrscheinlich 1-2-1-1-1-2-1-1 spielen.

 

 

 

Staubsauger, Typ: Schweinsteiger                                         Zeichnung: Daniel Schlierenzauer 

Moderne Trainer

Die WM 2010 war ein Trainerturnier. Die schlauesten Fußballlehrer – Jogi Löw (Deutschland), Bert van Marwijk (Niederlande), Oscar Tabarez (Uruguay) und Vicente del Bosque (Spanien) – hatten etwas von Pokerspielern. Tabarez trieb’s am tollsten und bot Luis Suárez als zweiten Torwart auf. Der rechtfertigte seine Nominierung im Viertelfinale gegen Ghana und parierte kurz vor Schluss auf der Torlinie einen Schuss. Hielt besser als der erste Torhüter Fernando Muslera, wurde trotzdem ausgepfiffen, was nur beweist, dass das afrikanische Publikum noch lernen muss, ein Spiel richtig zu lesen.

Löw setzte bei der Halbfinal-Niederlage gegen Spanien auf Piotr Trochowski statt auf Toni Kroos. Wird sich auch dabei etwas gedacht haben. Will bestimmt erst 2014 in Brasilien Weltmeister werden. 

Van Marwijk verdonnerte seinen Schwiegersohn Mark van Bommel zum Staubsaugen und brachte seinen Niederländern das effiziente Spiel bei, eine nicht zu unterschätzende Leistung.

Del Bosque opferte vor dem Halbfinale gegen Deutschland seinen Lieblingsspieler Fernando Torres, Spitzname El Niño (das Kind), und brachte stattdessen Pedro, der bis vor kurzem noch Pedrito (Peterchen) hieß. Del Bosque sieht aus, wie spanische Großväter auszusehen haben, ist aber erst 59.

Auch optisch (>Wintermärchen) setzten Trainer die Maßstäbe: Löw und Flick im Partnerlook, Brasiliens Dunga im schweinchenrosafarbenen Oberhemd, die Niederlande mit Co-Trainer Frank de Boer als Kevin-Costner-Double. Unumstrittener Modezar des Turniers: Diego Maradona. Zeigte, was er von Journalisten hält, indem er bei Pressekonferenzen plötzlich statt Anzug Ballonseide (>Unmoderne Trainer) trug. Auch bei der Haartracht war Diego ganz weit vorne: schwarz-weiß gemusterter Vollbart unten, tiefschwarze Mähne oben.

Otto Rehhagel mit Brustbeutel          Zeichnung: Daniel Schlierenzauer

Unmoderne Trainer

Verlierer trugen Jogginganzug und eine eingeschweißte Einlasskarte für die Kabine um den Hals: Marcello Lippi (Italien), Matjaz Kek (Slowenien) und natürlich Otto Rehhagel (Griechenland). Ab einem bestimmten Alter haben Trainer im Trainingsanzug ja etwas von Dauercampern. Und die Einlasskarte erinnerte an jene Brustbeutel, die Drittklässler auf ihrem ersten Schulausflug tragen müssen, damit das Taschengeld nicht geklaut wird.

Superstar

Thomas Müller - bester Nachwuchsspieler und bester Torschütze - müsste jetzt eigentlich, wie einst Bastian Schweinsteiger, für die nächsten Jahre in ein sehr tiefes Loch fallen. Schweinsteiger (>Staubsauger) bot nach seiner Super-WM 2006 Kanzlerin Angela Merkel ein lebenslanges Du an, kümmerte sich hernach mehr um seine Frisur als um seine Freistöße und schlich sich einmal nachts mit seiner Cousine aufs Vereinsgelände des FC Bayern München, natürlich nur, um ihr den Spielertrakt zu zeigen. Wurde aber dummerweise mit ihr im Whirlpool ertappt. Trieb Uli Hoeneß, damals Bayern-Managern, so sehr in den Wahnsinn, dass der zum Süßstoffexperten wurde: "Dem Schweini haben in den letzten sechs Monaten zu viele Leute Puderzucker in den Hintern geblasen. Den klopfe ich nun wieder raus."

Thomas Müller der neue deutsche Fußball-Popstar? Erinnert, was das Starpotenzial angeht, eher an Stürmerlegende Gerd Bomber Müller. Saß nach seinem ersten Länderspiel im März gegen Argentinien (>Ohne-Mannschaften) auf dem Podium der Pressekonferenz und wurde von Diego Maradona (>Moderne Trainer) wohl für einen der Jungs gehalten, der den Jabulani (>Torflaute) geholt hatte. „Ich wusste ja nicht, dass das ein Spieler war“, sagte Maradona später. Der Balljunge schoss das 1:0 im Viertelfinale gegen Argentinien.

Müller hat noch nicht mal einen Spitznamen, aus dem Boulevardjournalisten knackige Schlagzeilen basteln könnten – Bomberchen und Killer-Müller wären zu lang. Verheiratet ist er auch schon – mit 20. Nicht whirlpooltauglich.

Torflaute

Nicht einmal 2,27 Tore fielen im Schnitt pro Partie, genauso wenig wie vor vier Jahren (>Superstar) - trotz des WM-Balls Jabulani. Jabulani ist der erste Ball der Welt, der lebt. Sieht so nett aus, hat aber eine tiefschwarze Seele: Flatterte, wie er wollte, und ärgerte die Torhüter. Spaniens Keeper Iker Casillas über Jabulani: "Der hat einen abgründigen Charakter."

Wintermärchen

Die größte Erfindung der Fifa seit Menschengedenken: eine WM im Winter. In Südafrika war es abends so kalt, dass Jabulani (>Torflaute) eigentlich einen Overall (>Unmoderne Trainer) hätte tragen müssen. Die Kälte hatte aber auch Vorteile: keine feuchten Trainerachselhöhlen (>Moderne Trainer), keine nackten dickbäuchigen Engländer auf der Tribüne, kein zeitraubendes Wasserflaschengenuckel vor den Augen der Balljungen (>Superstar) am Spielfeldrand.

Vorsicht: In Europa ist eine Winter-WM nur dort sinnvoll, wo die Schneefallgrenze hoch genug liegt. Sonst droht Wettbewerbsverzerrung (>Torflaute), weil klassische Wintersportnationen wie Österreich, Schweiz (>Wahrer Weltmeister) und Skandinavien im Vorteil wären.

Ohne-Mannschaften

Einige Teams waren besonders innovativ und agierten ohne Stürmer (Griechenland), ohne Torwart (England) oder ohne Trainer (Argentinien). Am innovativsten war Frankreich, das ohne Trainer, ohne Stürmer und ohne Elan an der WM 2010 teilnahm. Ergebnis: ohne Chance.

Wahrer Weltmeister

Die Schweiz war die einzige Mannschaft, die Weltmeister Spanien besiegte. 

Freitag, 9. Juli (14. Eintrag)
Zurück in die Zukunft IV: Holland ist Weltmeister!

Die Niederlande haben heute Mittag in Johannesburg das Finale der WM 2010 gegen Spanien mit 1:0 gewonnen und sind damit zum ersten Mal Fußball-Weltmeister. Das entscheidende Tor erzielte Arjen Robben in der 85. Minute. Der Profi vom FC Bayern München ließ Spaniens Verteidiger Carles Puyol an der Strafraumgrenze aussteigen und schob den Ball schließlich an Torwart Iker Casillas vorbei.

Aus Angst, wie im Eröffnungsspiel von den Zuschauern ausgepfiffen zu werden, hatte Fifa-Präsident Sepp Blatter angeordnet, das Finale zweieinhalb Tage vorzuziehen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit auszutragen. Es wird, wie in den Programmzeitschriften angegeben, am Sonntagabend vom ZDF ausgestrahlt. Béla Réthy kommentiert.

Das Ergebnis sollte eigentlich bis dahin geheim bleiben. Aber wegen eines Kabelbrands in der Stromzufuhr des Fifa-Fluxkompensators hat der Mitschnitt des Endspiels das Raum-Zeit-Kontinuum durchbrochen und ist auf meinem Computer gelandet. Weil ich nicht in der Lage bin, die zwölf Phantastilliarden zu zahlen, die die Fifa für die Übertragungsrechte verlangt, kann an dieser Stelle nur das Siegtor der Niederlande gezeigt werden – allerdings inklusive Zeitlupe.

(Ich bitte, die schlechte Bild- und Tonqualität zu entschuldigen.)

Meine Tipps:

Deutschland - Uruguay 4:0
Niederlande - Spanien 0:1
 

Donnerstag, 8. Juli (13. Eintrag)
Über spanische Frisuren, Wände und Dekorateure

Und dann kam Carles Puyol. Ich hätte mit vielem gerechnet, mit einem Alleingang von Andrés Iniesta, einem Schlenzer in den Torwinkel von Xavi, einem Lupfer von David Villa. Irgendeiner dieser Edeltechniker, dachte ich angesichts der Überlegenheit Spaniens, würde das Spiel entscheiden.

 

Carles Puyol                                                 Zeichnung: Daniel Schlierenzauer

Aber es traf Puyol, der Rustikalste des Teams, der Mann mit der unmöglichsten Frisur des Weltfußballs, zu dessen Entlastung man annehmen muss, dass er heimlich Wolfgang Petry hört. Für diese Lockenmatte im Vokuhila-Stil (vorne kurz, hinten lang) gibt es nur diese eine Erklärung: abgeguckt vom Lieblingssänger. Puyol köpfte Spanien ins Finale und Deutschland ins Spiel um Platz drei – nach einer Ecke. Wie banal. Ecke – Kopfball – Tor: Das war doch einmal die Spezialität der Deutschen. Nur wann hat die  Nationalmannschaft zuletzt nach einem Eckball ein Tor erzielt? Beim erfolgreichen Modernisieren seines Spiels hat der deutsche Fußball diese Spezialität eingebüßt. Dass die Spanier, die wohl beste und stilprägendste Mannschaft der vergangenen drei, vier Jahre, das Halbfinale nach einer Ecke entscheiden, zeigt freilich auch, was ihre Qualität ausmacht: Eleganz und Effizienz.

Die bessere Mannschaft steht im Finale. „Spanien hat uns heute an unsere Grenzen geführt“, sagte Bundestrainer Jogi Löw nach dem Spiel. Im Achtel- und im Viertelfinale hatte seine Elf brilliert und acht Tore erzielt. Aber Spanien ist eben nicht England und nicht Argentinien: Dieses Team hat erstens einen Trainer, der etwas von Taktik versteht, und zweitens einen Torwart, der Schüsse halten kann und nicht nur Rückgaben. Es ist keine Schande, gegen diese Mannschaft zu verlieren, die so blitzschnell eine Spanische Wand montieren und aufstellen kann, an der kein Gegner vorbeikommt. Genauo blitzschnell ist die Wand übrigens wieder demontiert, und dann wird beim Gegner herumgewuselt und umdekoriert. Ergebnis: ein schönes Durcheinander vor Türsteher Manuel Neuer.

Es gäbe natürlich noch eine andere Erklärung für die Niederlage. Da ist Tintenfisch Paul, wohnhaft im Sealife Oberhausen, berühmt geworden als Tipp-Experte. Jedes Mal, wenn Deutschland bei diesem Turnier siegte, war Paul vorher in ein schwarz-rot-goldenes Kästchen gekrabbelt. Gestern dann zog es ihn ins spanische Wasser. Und jetzt kommt heraus: Paul ist ein Betrüger, der gar nicht in die Zukunft schauen kann. Der Greifswalder Biologe Volker Miske, laut Welt online Deutschlands führender Tintenfisch-Forscher, sagt: Krake Paul rieche nicht etwa das Ergebnis, sondern nur die Muscheln am Boden und krabbele dorthin, wo er mehr Futter vermute.

Und deshalb fischt Welt online mal im Flachen nach der wahren Ursache für die Niederlage und fragt die Leser: „Haben Sie bei diesem Deutschlandspiel irgendetwas anders gemacht?“ Oh ja! Zwei Stunden vor dem Anpfiff habe ich einen der Jungs aus meinem Bundestagsbüro zum Friseur geschickt. Das war wohl ein Fehler, ich bekenne mich schuldig, aber ich bereue nichts. Denn die Haare, die wuchsen doch deutlich in Richtung Carles Puyol.

Mittwoch, 7. Juli (Zwölfter Eintrag)
Liebe Tagebuchleser in Uruguay!

¡Hola Compañeros!

Für Euch ist seit der 2:3-Niederlage gegen die Niederlande gestern Abend die WM vorbei. Schon gut, liebe Uruguayer, ich weiß, dass Ihr am Sonnabend noch gegen Spanien um Platz drei spielen dürft. Aber mal unter uns: Dieses Spiel gibt es doch bloß, um zu rechtfertigen, dass all die Ersatzspieler Flugtickets, Unterkunft und Verpflegung bezahlt bekommen haben. Wer bei der WM 2006 Dritter wurde, weiß ich zum Beispiel auch nur, weil es die Deutschen waren.

Ich möchte Euch erklären, warum ich gestern für die Niederlande war. Es ist nichts Persönliches, liebe Uruguayer. Eure Nationalmannschaft hat eine tolle WM gespielt, die beste seit 40 Jahren, sie hat eine hübsche Uniform, oh Pardon, ich bin ja auch Verteidigungspolitikerin, ich meine natürlich: hübsche Trikots. Am besten gefallen mir übrigens die Strümpfe mit den blauen Schlangen. Uruguay hat gerade so viele Einwohner wie Berlin, war aber schon zweimal Weltmeister. Respekt! Die Hertha, unser Hauptstadtklub, hat mal 2006 den Intertoto-Cup gewonnen und ist gerade in die Zweite Liga abgestiegen. Ja, und Funny van Dannen, einer unserer witzigsten Liedermacher, besingt sogar Eure Heimat. Das klingt dann so:

Ich war noch nie in Uruguay, und ich muss auch gar nicht hin.
Wahrscheinlich ist es nur das Wort, dem ich verfallen bin.
Es klingt so wild und dunkel, ja es klingt nach Zauberei:
Drei u auf engstem Raum, ich denke oft an Uruguay.
Uruguay, Uruguay.

Ihr müsst das verstehen: Wenn ein deutscher Fußballfan die Chance auf ein WM-Finale gegen die Niederlande hat, kann er unmöglich Uruguay die Daumen drücken. Deutschland gegen die Niederlande – das ist für uns ein Derby und Klassiker.  

Bei Fußball und Niederlande denken wir gerne an das WM-Finale 1974 (2:1 für uns) oder an das WM-Achtelfinale 1990, als Frank Rijkaard unserem Stürmer Ruuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuudi Völler in die Locken spuckte und wir trotzdem siegten. Nicht so gern denken wir an das EM-Halbfinale 1988 in Hamburg. In der 89. Minute verlor unser Verteidiger Jürgen Kohler gegen Marco van Basten den einzigen Zweikampf seiner Karriere – die Niederländer siegten 2:1. Nach dem Spiel wischte sich Ronald Koeman mit Olaf Thons Trikot seinen Popo ab. Und ein paar Tage nach diesem Skandal wurden die Niederlande dann auch noch Europameister – bei uns zu Hause!

Übrigens: Was macht der Niederländer, wenn er am Sonntag die WM gewonnen hat? – Er schaltet die "Playstation" aus und geht ins Bett.

Wenn Ihr am Sonnabend gegen die Spanier um Platz drei spielt, bin ich natürlich für Euch, liebe Urugayer. Und Ihr schaut heute Abend bitte schon mal genau hin, wie man sie schlägt. ¿Claro?

Mein Tipp:

Deutschland - Spanien 4:3

Montag, 5. Juli (Elfter Eintrag)
Das war die WM - bisher

Hat eine deutsche Nationalmannschaft jemals so traumhaft, so überlegen und schön gespielt wie gegen England und Argentinien? Die Europameister von 1972 um Netzer, Breitner, Beckenbauer, Maier, Heynckes und Müller den Älteren standen bisher für den schönsten Fußball hierzulande. Ich bin zu jung, um beide Generationen vergleichen zu können, aber man weiß ja, dass die Vergangenheit gern schwindelt. Früher war alles besser? Wenn sich die Nationalspieler der Gegenwart gegen Albanien und andere Zwerge zum Sieg quälen, schimpfen die Nationalspieler der Vergangenheit gern, für sie sei es ja noch eine Ehre gewesen, fürs Vaterland zu spielen. Nun verrät aber das Archiv, dass die Europameister von 1972 in der Qualifikation auch einmal in Tirana waren. Sie siegten 1:0.

Die WM geht in die letzte Woche – Zeit für eine Zwischenbilanz. Meine Gewinner und Verlierer.

Verlierer

Eine Horde alter Helden, trainiert von einem überforderten Trainer, blamiert Frankreich. Die Nation lenkt sich die nächsten zweieinhalb Wochen mit der Tour de France ab und bejubelt am Straßenrand eine Horde alter Helden, von denen viele eine Menge Dreck am Reifen haben.

Italien, der Weltmeister von 2006, scheitert in der Vorrunde, weil alte Männer alten Fußball spielen. Schön war Italiens Fußball noch nie, schön waren immer nur Italiens Fußballer. Das ist jetzt auch vorbei. Früher gab es Paolo Maldini, Luca Toni und Francesco Totti, wilde Kerle, lange Haare. Heute sehen die Spieler aus wie die Gefangenen einer Strafkolonie: Maldini und Totti hatten mehr Haare auf der Brust als Giorgio Chiellini, Fabio Cannavaro und Simone Pepe auf dem Kopf. Der italienische Fußball ist dort, wo der deutsche Fußball 1998 ff. war: Der Torwart ist der Star. Keine Talente. Keine Konzepte. Die maroden Stadien passen dazu.

Brasiliens stärkste Waffe war die Abwehr – das sagt alles. Trainer Carlos Dunga, „der Deutsche“, hat Ergebnisfußball spielen lassen und das Team seiner Kreativität beraubt. Nach dem Führungstor der Niederlande im Viertelfinale fiel den Brasilianern nichts mehr ein. „Die Art, wie Dunga nach Siegen trachtet, lässt nichts zurück, wenn er verliert“, sagt Tostão, Weltmeister von 1970, heute in der Süddeutschen Zeitung: „Wenn er gewinnt, ist es schon schwierig. Erst recht, wenn er verliert.“ Dunga wird es schwer haben, noch einen Trainerjob in Brasilien zu finden. Würde mit seiner Idee von Fußball gut zu Italien passen.

England muss sich beim Schiedsrichter bedanken, dass er im Achtelfinale gegen Deutschland das Tor zum 2:2 nicht gegeben hat. Diese Skandal-Entscheidung gibt vor, dass die Engländer von Deutschland nicht an die Wand gespielt wurden. Wurden sie aber. Mutterland des Fußballs? Oh ja, so haben sie bei dieser WM gespielt: wie Engländerinnen. Als Franz Beckenbauer in der Vorrunde über Englands Langeweilefußball meckerte und ein frühes Aus vorhersagte, sagte Stürmer Wayne Rooney: "Es geht darum, wie man ein Turnier beendet, und nicht, wie man es beginnt." Okay, Wayne: Du hast mit null WM-Toren begonnen und mit null WM-Toren aufgehört.

Portugal hat keine Mannschaft, Portugal hat nur Cristiano Ronaldo. Dummerweise verwechselt der Superstar das Stadion oft mit einer Diskothek. Gute Posen, schlechte Pässe.

Die Elfenbeinküste, Nigeria, Südafrika, Algerien und Kamerun scheitern schon in der Vorrunde. Ein Desaster für Afrika. Ghana? Uruguays Luis Suárez verhindert mit der Hand den Siegtreffer in der letzten Minute der Verlängerung, der Strafstoß landet an der Latte, und Ghana verliert das Elfmeterschießen. Wer das gesehen hat, muss an böse Mächte glauben.

Mit einem Trainer wäre Argentinien vielleicht Weltmeister geworden.

(Übrigens hat es keiner der Künstler im hochgelobten Werbefilm des amerikanischen Sportartikelherstellers "Nike" ins Viertelfinale geschafft: weder Drogba noch Cannavaro, noch Rooney, noch Ribery, noch Ronaldo. Und Ronaldinho war erst gar nicht dabei. "Nike" ist also auch ein Verlierer dieses Turniers.)

 

Gewinner

Eigentlich müsste die Fifa Deutschland zum Weltmeister ernennen. Was bliebe von diesem Turnier, wenn Löws Elf nicht wäre? Vuvuzelas, seltsame Schiedsrichter, dreiviertelvolle Stadien und die afrikanische Tragödie, auch zu Hause den Anschluss an Europa und Südamerika nicht zu schaffen. Die besten Spieler des Turniers sind Deutsche: Bastian Schweinsteiger, Mesut Özil und vor allem Müller der Jüngere. Absolut weltmeisterlich. Die Mannschaft muss aber noch beweisen, dass sie einen Rückstand aufholen kann. In der Vorrunde gegen Serbien hat es nicht geklappt.

Die Niederlande (fußballdt. Holland) spielten die vergangenen 2500 Jahre den schönsten Fußball Europas, aufregend, schnell – und tragisch. Bei Weltmeisterschaften scheiterten sie regelmäßig im Achtel-, Viertel- oder Halbfinale, weil sie alles können – außer aus elf Metern ein Tor zu schießen. Möglicher Gegner der deutschen Mannschaft am Sonntag. Ewiges Trauma: die Niederlage im WM-Finale 1974. Holland zauberte, Deutschland gewann, weil Müller der Ältere traf. Unsere netten Nachbarn schauen bei dieser WM ein bisschen neidisch auf uns, weil wir – verkehrte Welt – plötzlich den schöneren Fußball spielen. Holland wird also Weltmeister – es sei denn, im Finale trifft Müller der Jüngere.

Uruguay feiert den Betrüger Suárez als Helden und fliegt hoffentlich gegen die Niederlande raus.

Beim EM-Triumph 2008 spielte Spanien den perfekten Fußball. Zwei Jahre später können sich die Spieler den Ball immer noch zehn Minuten so zuspielen, dass er nicht verloren geht. Nur das Tor treffen sie selten. Angeblich liegt’s an Stürmer Fernando Torres, der lange verletzt war und deshalb spielt wie Miroslav Klose vor der WM. Könnte sein. Könnte aber auch sein, dass die Spanier irgendwie verbeamtet wirken und Dienst nach Vorschrift machen. Freuen sich sicher, dass Müller der Jüngere wegen Gelbsperre fehlt. Müssen sich trotzdem steigern, wenn sie am Mittwoch das Halbfinale gewinnen wollen. Denn ihren Traumfußball von 2008 haben die Deutschen geklaut und perfektioniert.

Sonnabend, 3. Juli (Zehnter Eintrag)
Der Goldjunge und sein Floh

Alle lieben Diego Maradona. Zwei seiner bekanntesten Bewunderer sind Lothar Matthäus und Fidel Castro, wobei den deutschen Rekordnationalspieler und den kubanischen Rekordrevolutionsführer noch etwas verbindet: Beide reden sehr gern, allerdings wird einer der beiden mit dem Alter schweigsamer. Mit dem großen Pelé aus Brasilien pflegt Diego Maradona freilich eine intensive Feindschaft. „Pelé gehört ins Museum“, sagte Argentiniens Trainer jüngst. Pelé revanchierte sich mit: „Maradona ist kein guter Trainer.“

Besonders gern rangeln ja Alphatiere miteinander, das ist im Fußball genauso wie in der Politik. Bei Pelé und Diego geht es letztlich nur um die Antwort auf die banale Frage: Wer ist der größte Fußballer aller Zeiten? Puh! Tja, Pelé wurde 1958, 1962 und 1970 Weltmeister, Diego nur 1986. Beide sind Fifa-Weltfußballer des Jahrhunderts. Zwei Jahrhundertfußballer? Nun, es war so: Im Jahr 2000 wählten die Fans in einer Internetabstimmung den Argentinier, was ungünstig war, weil die Fifa Diego wegen kleinerer Verfehlungen nicht mag. (Dass Diego die Fifa wegen kleinerer Verfehlungen auch nicht mag, kam erschwerend hinzu.) Also ließ die Fifa von einer Jury noch einen zweiten Jahrhundertfußballer, nun ja, wählen. Pelé, der sich gern mit den Mächtigen zeigt und ein Freund der Fifa ist, gewann.

Diego ist wohl das größte Genie, das je gegen einen Ball getreten hat. Schon mit zehn Jahren hatte der Junge aus dem elendigsten Elendsviertel von Buenos Aires seinen ersten Auftritt. In der Halbzeit eines Liga-Spiels jonglierte er 15 Minuten, ohne dass der Ball auch nur einmal zu Boden fiel. Nicht einmal sechs Jahre später machte er sein erstes Profi-Spiel. 1986, auf dem Höhepunkt seines Schaffens, führte er Argentinien fast im Alleingang zum WM-Titel. Sein Trainer Carlos Bilardo sagte einmal: „Ich danke Gott, dass Diego als Argentinier geboren wurde.“

Der „Goldjunge“ erzielte das fieseste Tor aller Zeiten, und der „Goldjunge“ erzielte das genialste Tor aller Zeiten – beide in einem Spiel, innerhalb von drei Minuten: Erst patschte er mit der „Hand Gottes“ den Ball über den englischen Torwart, ohne dass es der Schiedsrichter bemerkte, dann fummelte er sich über den halben Platz und ließ seine Gegenspieler aussehen wie betrunkene Bären.

Wohl auch, weil er anders ist als Pelé, der Perfekte, wird er so geliebt. Er war drogensüchtig und verheimlichte es nicht, er hatte einen Herzinfarkt und machte eine Entziehungskur bei Fidel Castro auf Kuba, er wog soviel wie drei Pelés und ließ sich den Magen verkleinern, er wurde künstlich beatmet, zielte mit einem Luftgewehr auf Journalisten und begegnete dem Sensenmann, der ihn nicht holte, weil natürlich auch der Tod Diego liebt. Nimmt man Maradona als Maßstab, hat selbst Lothar Matthäus, dessen Frauen immer jünger werden, das Leben nach der Karriere besser gemeistert.

Auf dem Platz scheint Argentinien endlich einen Nachfolger gefunden zu haben. Lionel Messi, ähnlich genial veranlagt wie Maradona, könnte der größte Spieler seiner Generation werden und womöglich auch der beste aller Zeiten. Eine Kopie des Jahrhunderttors hat er jedenfalls schon geschossen.

Es wäre natürlich wunderschön, würde Leo, "der Floh", Diego, den "Goldjungen", zum Weltmeister machen - und umgekehrt. Es wäre spannend zu sehen, was nach dem Triumph geschähe. Um Messi muss man sich keine Sorgen machen, er ist so vernünftig. Um Maradona muss man sich grundsätzlich immer Sorgen machen. Es gibt eine Religionsgemeinschaft, die am 30. Oktober, Maradonas Geburtstag, Weihnachten feiert. Sollte er als Trainer tatsächlich Argentinien zum WM-Titel führen, stünde ihm die härteste Prüfung seines Lebens noch bevor. Er dürfte in der Heimat fortan alles. Alles.

Diego hat versprochen, er werde erst einmal den Obelisken in Buenos Aires umrunden – als Nackedei, versteht sich. Ich weiß: Klingt gefährlich und schlimm. Aber gefährlicher und schlimmer als in dem grauglitzernden Anzug, den er neuerdings trägt, kann Diego im Adamskostüm gar nicht aussehen.

Der Goldjunge und der Floh am Obelisken       Zeichnung: Daniel Schlierenzauer

Nun, sehr wahrscheinlich ist all das nicht, weil Argentinien ja gegen Deutschland spielt. Aber falls doch: Es gibt auch Niederlagen, die nicht ganz so wehtun.

Ich wünsche mir, dass dieses Duell nach 90 Minuten entschieden ist. Verlängerung und Elfmeterschießen hatte ich schon am Mittwoch bei der Wahl der Bundespräsidenten.

Meine Tipps:

Argentinien - Deutschland 2:3
Spanien -  Paraguay 3:1

Dienstag, 29. Juni (Neunter Eintrag)
Tatsachenentscheidung bei der Bundespräsidenten-Wahl

Mal angenommen, die Bundesversammlung wählt morgen Christian Wulff zum neuen Staatsoberhaupt. Der Präsidentschaftskandidat von CDU/CSU und FDP wird das Ergebnis natürlich erfahren, bevor es verkündet wird, so dass er noch einen Augenblick Zeit hat, sich mit seiner neuen Rolle vertraut zu machen.

Genauso kann man davon ausgehen, dass das Ergebnis auch im Saal vorab herumgetuschelt wird. Und wenn die Wahlfrauen und -männer wissen, wer das Rennen gemacht hat, kann man nicht davon ausgehen, dass die Journalisten der Fernsehsender vor dem Saal sehr lange ahnungslos bleiben. Und man kann – nach allem, was man über Medien so weiß – auch nicht davon ausgehen, dass die Reporter dieses Geheimnis für sich behalten. Der letzte Empfänger dieser stillen Post ist also der Fernsehzuschauer.

Nehmen wir weiter an, Bundestagspräsident Norbert Lammert, der die Versammlung leitet, würde jetzt aus Versehen Zahlen und Namen verdrehen und ein Ergebnis verkünden, das einen anderen Kandidaten zum Sieger erklärt, einen, der nicht die meisten Stimmen erhalten hat. Man muss kein Wahrsager sein, um zu ahnen, was es in diesem Fall gäbe: Rudelbildung. Und dann? Nun, Norbert Lammert erkennt seinen Fehler und korrigiert ihn – nicht. Das neue Staatsoberhaupt wird jemand, der nicht die meisten Stimmen erhalten hat. Nachträgliche Einsprüche und Proteste bringen nichts, weil das, was Lammert verkündet hat, eine Tatsachenentscheidung ist.

Eine absurde Gedankenspielerei? Genau dies passiert bei der Fußball-WM in Südafrika.

Da schießt Argentinien im Spiel gegen Mexiko ein Abseitstor. Dass es nicht zählen dürfte, erkennt selbst eine Frau wie ich, die die Abseitsregel nur so erklären kann, dass es Frauen verstehen. Nachdem der Schiedsrichter Argentinien das Tor geschenkt hat, sieht er auf der Videowand des Stadions seinen Irrtum – und bleibt bei seiner Entscheidung. Denn er darf nicht anders – Tatsachenentscheidung. Tatsache ist aber auch: Der Schiedsrichter hat Argentinien am Sonntagabend beim Gewinnen sehr, sehr geholfen. 

Abseits - erklärt! 

Und da schießt England gegen Deutschland im Achtelfinale ein Tor – und alle sehen es: zehntausende Fans im Stadion in Bloemfontein und hunderte Millionen Fernsehzuschauer weltweit. Nur der Schiedsrichter kriegt nichts mit, weil sein Assistent an der Linie, der etwas mitkriegen müsste, damit der Chef auch etwas mitkriegt, nichts mitkriegt. England wird um den Ausgleich betrogen. Und deshalb liegt wohl auf ewig ein Schatten über dem großartigen 4:1-Sieg der Deutschen: Was wäre, wenn es zur Halbzeit 2:2 gestanden hätte? Hätten die Deutschen weiter so traumhaft gespielt? Wären die Engländer in der zweiten Halbzeit nicht ganz so wild und kopflos angestürmt? 

Aber die Fifa, der Ausrichter der Weltmeisterschaft, will keinen Videobeweis und keine Torkamera und keinen Chip im Ball. Sie sagt, der Fußball solle überall auf der Welt nach den gleichen Regeln gespielt werden – ob Kreisklasse oder Bundesliga, Altherrenturnier oder WM. Die Fifa übersieht freilich, dass der Fußball gar nicht identisch sein kann. So gibt es auf den Dorfplätzen selten Linienrichter und erst recht keinen vierten Offiziellen. Es schauen dort auch keine Millionen zu. Und es ist eben nicht dasselbe, ob die Freizeitfußballer des BSV Buxtehude in der Bezirksliga Süd wegen eines Abseitstors verlieren – oder mexikanische Nationalspieler. Der Unterschied ist: Mexikanische Nationalspieler sind Profis. Sie leben für und vom Fußball. Und die meisten dieser Spieler werden nie wieder im Leben die Chance haben, das Viertelfinale einer Weltmeisterschaft zu erreichen.

Die New York Times schreibt über Englands Nicht-Tor: „Wie kann die Fifa, die sich rühmt, 3,2 Milliarden Dollar in diesem Vier-Jahres-Zyklus einzunehmen, den Spielern das Recht auf ein Tor verwehren, wenn Zuschauer von Bloemfontein bis Timbuktu die Ungerechtigkeit sehen?“

Ein Gutes hat es natürlich doch: Ich werde mich an dieses Spiel noch in 20 Jahren erinnern. Das Bloemfontein-Tor, das eines war, aber keines sein durfte, ist eine wunderbare Eselsbrücke - genauso wie das Wembley-Tor, das keines war, aber eines sein durfte.

Meine Tipps:

Paraguay - Japan 3:2 nach Verlängerung
Spanien - Portugal 3:1

Sonntag, 27. Juni (Achter Eintrag)
Über Englands Elfmeterdeppen mit Hunger auf Pizza

Ein bisschen tut es mir leid, dass England heute nach Hause fahren muss. Englische Nationalspieler sind vielleicht nicht attraktiver und selten erfolgreicher als deutsche. Aber unterhaltsamer sind sie allemal. Beispiel? Nun, England verlor wie Deutschland vor der WM seinen Kapitän – übrigens auch wegen einer Verletzung, wie bei Michael Ballack: John Terry hatte einem früheren Kameraden die Freundin ausgespannt.

Die Geschichte hatte alle Zutaten, die ein guter Skandal braucht: Terry, verheiratet mit einer sehr blonden Dame, wird 2009 zu Englands „Vater des Jahres“ gewählt, auch weil er seinen Zwillingen so gern die Windeln wechselt. Dann begegnet er Vanessa Perroncel (brünett) und foult böse - denn Vanessa gehört Wayne Bridge. Und zu allem Überfluss ist sie noch, oh, là, là, ein französisches Unterwäschemodel. Natürlich kommt alles raus – und England diskutiert: Darf solch ein Mistkerl Kapitän der heiligen Auswahl sein? Nein, Terry darf nicht und wird nach fast vier Jahren seines Amtes enthoben.

Wenn heute Nachmittag kein Wunder geschieht, wird England im Elfmeterschießen verlieren und ausscheiden. Aber wer glaubt auf der Insel an Wunder, wenn es um penalties geht und der Gegner Fritz heißt oder auch - wegen des seltsamen Akzents - ze germans? Nehmen wir nur Chris Waddle und Stuart Pearce. Das englische Fußballvolk zählt sie seit dem WM-Halbfinale 1990 zu den größten Deppen, die je das Nationaltrikot getragen haben. Beide versagten im Elfmeterschießen. Dass sie damit dem Erzfeind Deutschland den Sieg schenkten, machte die Fehlschüsse natürlich noch unverzeihlicher. Urteil: lebenslange Auslachstrafe wegen besonderer Schwere der Schuld. 

Stuart Pearce (M.) und Chris Waddle                                                               Screenshot: youtube

Weil man ein solches Schicksal nur mit Humor ertragen kann, nahmen Waddle und Pearce sechs Jahre später für eine Pizzakette einen Werbefilm auf. Und weil witziger als die Idee „Zwei Elfmeterdeppen warten gemeinsam auf ´ne Pizza“ nur noch die Idee „Drei Elfmeterdeppen warten gemeinsam auf ´ne Pizza“ ist, sitzt auch Gareth Southgate mit am Tisch. Er trägt eine Papiertüte über dem Kopf, denn kurz zuvor hat er im EM-Halbfinale – natürlich gegen Deutschland – seinen Elfer verschossen. 

Die Pizza wird gebracht. Southgate probiert, ist erleichtert, dass er trotz seines Fehlers eine leckere Pizza bekommt, zieht die Tüte vom Kopf, verkündet, er fühle sich schon viel besser, steht auf – und rennt geradewegs gegen den erstbesten Pfeiler. Elfmeter-Depp 1 (Pearce) kommentiert: „Oh, diesmal hat er immerhin den Pfosten getroffen.“ Elfmeter-Depp 2 (Waddle) lacht mit Elfmeter-Depp 1 (Pearce) über Missgeschick von Elfmeter-Depp 3 (Southgate). Die Moral von der Werbegeschichte: "Einmal Depp, immer Depp - also mach das Beste draus und lass dich für diese Rolle gut bezahlen." (Video) 

Gareth Southgate                                                                                       Screenshot: youtube

Stuart Pearce wird heute als Co-Trainer auf Englands Bank sitzen. Sein Chef Fabio Capello hat fleißig Elfmeter üben lassen und gleich noch verraten, wer schießen wird - nicht der alte Kapitän, nur der neue. Einerseits ist das nicht sehr schlau, weil sich Deutschlands Torhüter Manuel Neuer so auf die Schützen einstellen kann – die meisten Spieler haben ja eine Lieblingsecke. Andererseits ist Capello Italiener… 

Mein Lieblingsfußballerspruch stammt übrigens von George Best (1946-2005). Best sah nicht nur aus wie ein Rockstar, er spielte und lebte auch so. Über sein Leben sagte er einmal: „Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst.“ Er glaubte auch, nur seine Schönheit habe verhindert, dass aus ihm der größte Fußballer des Planeten wurde. „Wäre ich hässlich auf die Welt gekommen, hättet ihr nie etwas von Pelé gehört.“

Das ist feinster englischer Humor. Nur: George Best war Nordire.

Meine Tipps:

Deutschland - England 1:1 nach Verlängerung, 4:3 nach Elfmeterschießen
Argentinien - Mexiko 3:2

Donnerstag, 24. Juni (Siebter Eintrag)
Über Rumpelfußballer und Panzerjournalisten

Es gibt zwei Begriffe, um den deutschen Fußball der Vergangenheit zu beschreiben. Der eine Begriff ist Rumpelfußball, der andere Panzerfußball. Beide meinen dasselbe: Die Nationalmannschaft spielte jahrzehntelang sehr erfolgreich, aber selten schön, sie störte und zerstörte den eleganten Fußball der Gegner, sie grätschte, rannte und mühte sich schwerfällig gen Tor. Die englische Stürmerlegende Gary Lineker, nebenberuflich Strafraumphilosoph, brachte es so auf den Punkt: „Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen die Deutschen.“

Dann wurde 2004 mit Jürgen Klinsmann ein Querdenker Bundestrainer und verordnete Tempo. Bei der WM zwei Jahre später rieb sich die Welt die Augen, weil die Panzerfußballer plötzlich schön spielten. Auch Nachfolger Joachim Löw, einst Klinsmanns Strategiefuchs, ist ein Feinschmecker, der sich furchtbar ärgert, wenn der Ball 70 Meter vor dem Tor quer geschoben wird.

Gestern nun, im letzten Vorrundenspiel gegen Ghana, erinnerte die Darbietung mitunter wieder an die Nicht-schön-aber-erfolgreich-Zeiten: Es rumpelte gehörig, aber es reichte auch, um zu siegen. Und doch gab es einen Unterschied: Die Spieler räumten nachher ein, dass sie keinen Traumfußball geboten hätten. Ja, diese Generation will nicht nur gewinnen, sie will auch Spaß haben und die Zuschauer erfreuen. Löw wird die selbstkritischen Töne gern gehört haben.  

Auf der ganzen Welt gibt es vielleicht nur noch einen Trainer, der den Rumpelfußball als vollkommene Spielstrategie propagiert. Otto Rehhagel hat ungefähr 53 seiner 72 Lebensjahre Werder Bremen trainiert, er scheiterte bei Bayern München, machte Kaiserslautern als Aufsteiger auf Anhieb zum deutschen Meister und führte Griechenland mit drei 1:0-Siegen 2004 zum EM-Titel. Außer den Griechen und einem gewissen Rolf T. freute sich niemand darüber.

Vorgestern nun spielten die Griechen gegen Argentinien, sie mussten gewinnen, um das Achtelfinale zu erreichen. Rehhagel bot sechs Verteidiger auf, und als Argentinien in Führung ging, holte er den Spielmacher vom Platz und brachte nicht etwa einen Stürmer, sondern zur Sicherheit noch einen siebten Abwehrmann. Um von Rehhagel geschätzt zu werden, muss ein Fußballer mindestens vier Meter groß, sehr alt und überdies verheiratet sein. Wer dann noch Abitur vorweisen kann, hat seinen Stammplatz sicher. Rehhagel steht einfach auf reife Männer, die die Größe einer erwachsenen Tanne haben und sich nicht gleich in jede Frau verknallen. Er meint, verheiratete Fußballer würden sich besser aufs Training und aufs Spiel konzentrieren. All das wäre sogar originell, würde er sich nicht seit einigen Jahren – also seit ungefähr Mitte der Achtziger – aufführen, als sei er der Erfinder des Fußballs. Er legt den Titel Fußballlehrer sehr streng aus.

Bis vorgestern gab es auf der ganzen Welt nur einen Reporter, der Otto Rehhagel noch Fragen stellten durfte oder sich das noch traute: Rolf T. vom ZDF. T., einer der letzten Vertreter des Panzer- und Rumpeljournalismus, fragte Rehhagel nach der Niederlage gegen Argentinien, wie er seine Zukunft als Griechenlands Trainer sehe. Rehhagel antwortete: „Meine Zukunft ist meine Privatsache, damit ist das Thema erledigt.“ T. hakte nach: Sie sind doch als Trainer eine Person des öffentlichen Lebens.“ „Alles meine Privatsache“, sagte Rehhagel und ging.  

Im Prinzip könnte man Brasiliens Trainer Carlos Dunga zu Rehhagels Nachfolger und damit zu den letzten Freunden des Rumpel- und Panzerfußballs zählen. Dunga spielte in den Neunzigern zwei Jahre für den VfB Stuttgart und hat diese Zeit offenbar nicht verkraftet. In Brasilien nennen sie ihn alemão, den Deutschen, was kein Kompliment ist. Als Brasilien 1994 Weltmeister wurde, war Dunga Kapitän und Aufpasser vor der Abwehr. Und er war der einzige Spieler im Team, dem man auf dem Platz nicht ansah, dass er Brasilianer ist. Er spielte eher, nun ja, so deutsch. Aber ohne ihn hätte Brasilien niemals den Titel geholt.

Heute sagt Dunga: „Erfolgreicher Fußball ist schön.“ Dass Brasilien in Südafrika trotzdem nicht 90 Minuten Rumpelfußball anbietet, obwohl es der Trainer wünscht, sondern bisweilen doch zaubert, liegt an den Spielern. Sie sabotieren den Plan gern. Warum? Weil es Brasilianern nicht so leicht fällt, unschön zu spielen.

Meine Tipps:

Paraguay - Neuseeland: 2:1
Slowakei - Italien 0:1
Kamerun - Niederlande 1:3
Dänemark - Japan 1:1

Dienstag, 22. Juni (Sechster Eintrag)
Bunte Stühle für den Bundestag

Ja, ich weiß: Die WM-Spiele sind ausverkauft. Sagt doch die Fifa. Aber zum einen kann ich selbst sehen, und meine Augen sehen: bisweilen viele Lücken auf den Rängen. Es gibt so viele freie Plätze, dass die Klassiker für kurzes Schwänzen des Spiels – Toilette, Stadionbratwurst, Bierchen – entfallen. Zum anderen sind laut Fifa bei der WM auch die besten Schiedsrichter der Welt im Einsatz. „Es gab exzellente Leistungen“, sagt etwa der Schiedsrichterobmann.

Fragen Sie mal meinen Schweizer Praktikanten Daniel, was er von Herrn Khalil Al-Ghamdi aus Saudi-Arabien hält, der gestern die Partie der Nati gegen Chile pfiff, leidenschaftlich gelbe Karten verteilte, einmal sogar Rot zeigte und obendrein noch ein Abseitstor übersah. Nach der 0:1-Niederlage sagte der Schweizer Trainer Ottmar Hitzfeld, in Südafrika sollten nur Schiedsrichter pfeifen, die in den großen Ligen im Einsatz seien – „und nicht irgendwo am Strand“. Daniel ist zu höflich, um derlei Worte zu wählen, er hält es eher mit Neuseelands Kapitän Ryan Nelsen: „Wenn das die besten Schiedsrichter sind, die die Fifa zu bieten hat, will ich die schlechtesten nicht sehen.“

Aber dumm ist die Fifa nicht. Die Architekten und Konstrukteure der Stadien haben sich zum Beispiel etwas einfallen lassen, um die leeren Flecken auf den Tribünen zu verbergen. Weil die Sitzplätze bunt sind, sieht es auf den ersten Blick aus, als säßen darauf tatsächlich Fans. Im Johannesburger Stadion sind sie orange, was sich am 14. Juni als ungeheuer praktisch erwies: Da spielte die Niederlande, deren Nationalmannschaft ja nicht ohne Grund „Oranje“ heißt.  

Mein Lieblingsstadion heißt Mbombela und steht in Nelspruit, einer Stadt am Krokodilfluss, 60 Kilometer entfernt von der Grenze zu Mosambik. Die Sitzreihen sehen aus wie ein Zebrafell. Würden die Deutschen gegen England spielen und ein paar Zuschauer zu wenig da sein, wäre das Mbombela ideal.

Mitunter fragen mich Leute, die gern Bundestagsdebatten auf Phoenix gucken, warum der Plenarsaal oft so leer sei. Ich erkläre dann, dass der Bundestag ein Arbeitsparlament ist, wir Abgeordneten viel Zeit in Ausschüssen verbringen und dort Gesetze inhaltlich vorbereiten, die später im Plenum beschlossen werden. Wir haben also wichtige Gründe, anderswo zu sein.

Trotzdem: Wir brauchen im Plenarsaal endlich bunte Stühle – gelbe, rote, hellblaue, dunkelblaue, grüne und natürlich auch orange.

Meine Tipps:

Frankreich – Südafrika 0:3 (am grünen Tisch, hihi)
Mexiko – Uruguay 0:0 (wie damals in Gijón)

Argentinien – Griechenland 0:1
Nigeria – Südkorea 1:3

Sonnabend, 19. Juni (Fünfter Eintrag)
Elfmeterschützen im Babybauch

Als Miroslav Klose vom Platz flog und Serbien gleich darauf das 1:0 schoss, sah ich sachsen-anhaltinische Kühe grasen. Ich saß im Zug, unterwegs nach Halle an der Saale, wo ich auf Einladung des Führungsstabs der Streitkräfte über die Bedeutung der Bundeswehr für die Politik sprechen sollte. Aber natürlich haben mich die schlechten Nachrichten trotzdem erreicht – per SMS. Wozu halte ich mir in meinem Bundestagsbüro schließlich Männer?

Halbzeitpfiff, Taxifahrt zum Tagungsort, Anstoß, Daumendrücken im Kreis der Reserveoffiziere vor dem Fernseher. Die Tagung wird direkt nach dem Abpfiff beginnen. Kurze Stilkritik: Bundestrainer Jogi Löw wie immer im Partnerlook mit Hansi Flick, heute schwarze Strickjacke, eng, sehr eng geschnitten und offenbar ziemlich teuer, aber natürlich auch schickschick. Halte fest: Modegeschmack deutlich besser als der meiner Jungs im Büro.

Und dann, in der 60. Minute, freuen wir uns, dass gleich der Ausgleich fallen wird – Strafstoß für Deutschland. Lukas Podolski läuft an und verwandelt - nicht. Kein Tor! Hat unsere Nationalmannschaft seit der Erfindung des Fußballs jemals einen Elfmeter verschossen? Können wir das überhaupt? Unsere Fußballer sind so sichere Schützen, dass man vermuten muss: Wenn der deutsche Fötus im Babybauch strampelt, tut er das nicht, weil er gerade lernt, seine Muskeln zu gebrauchen. Nein, der übt schon Elfmeter!

Nach der Niederlage wird es noch einmal eng mit dem Achtelfinale. Aber vor der WM-Eröffnungsfeier habe ich einen Satz aufgeschnappt, der mich fest an einen Sieg gegen Ghana am Mittwoch glauben lässt. Dieser Satz heißt: "Deutschland ist eine Turniermannschaft." Und etwas Gutes hat das 0:1 immerhin: Ich darf jetzt den Einsatz von Toni Kroos im nächsten Spiel fordern. Wenn man Trainern keine taktischen Umstellungen empfehlen dürfte, wäre ja Fußball bloß halb so schön. Und Kroos, geboren in Greifswald, bei Hansa Rostock zum Ausnahmetalent geformt, ist ja nicht nur der einzige Ostdeutsche im Aufgebot – sondern auch: ein überragender Mittelfeldspieler.

Wie sagte Mehmet Scholl vor zweieinhalb Jahren über Toni Kroos: "Der muss immer spielen."

Der Mann, der am Ende dieses Filmchens ganz anderer Meinung ist, heißt Uli Hoeneß. Und wie heißt der Mann, der - bis Podolski kam - den letzten deutschen WM-Elfmeter (1974 gegen Polen) nicht verwandelt hatte? Genau.

Meine Tipps für Sonntag:

Slowakei - Paraguay 0:2
Italien - Neuseeland 1:0
Brasilien - Elfenbeinküste 1:2

Donnerstag, 17. Juni (Vierter Eintrag)
Kabinettstückchen im Sportausschuss und ein glücklicher Praktikant


Sportausschuss, gestern, Punkt 14.30 Uhr: Dagmar Freitag, die Vorsitzende, eröffnet die Sitzung und sagt, sie hoffe, man werde bis 16 Uhr fertig werden. Nun ist dieser Wunsch an sich noch nicht sehr ungewöhnlich, weil den Abgeordneten oft die Zeit im Nacken sitzt – viele müssen noch weiter: zum nächsten Ausschuss, zu einem Unterausschuss oder zu einer Abstimmung im Plenarsaal. Ungewöhnlich ist allerdings, wie Dagmar Freitag ihren Aufruf zur konzentrierten Arbeit begründet. Sie sagt, sie habe gehört, dass es in der Runde manchen gebe, der gern das WM-Spiel zwischen Spanien und der Schweiz – Anstoß: 16 Uhr! – schauen wolle.

Natürlich nehmen wir die Arbeit so ernst wie sonst auch. Die eingeladenen Experten werden angehört und befragt. Und die Kollegen, die stets einen langen Anlauf brauchen, um kluge Gedanken in eine Frage zu verwandeln, die auch mal ein Kabinettstückchen für die Galerie zeigen, also eine kleine Gemeinheit anbringen – sie tun es auch in dieser Sitzung. Aber wir werden pünktlich fertig.

Ich muss mich bei meinem Praktikanten Daniel entschuldigen. Gestern Nachmittag hatte ich ihm ein paar wichtige Aufträge zuviel gegeben, so dass er den sensationellen 1:0-Sieg der Schweiz gegen das spanische Weltklasseteam verpasste. Daniel ist Schweizer!

Heute sieht er sehr, sehr, sehr glücklich aus. 

Helden meines Praktikanten: die Nati im WM-Büchlein von 11 Freunde

Was die Fußballbegeisterung betreffe, könne es die Schweiz derzeit locker mit Deutschland aufnehmen, sagt Daniel und erzählt von seiner Heimatstadt St. Gallen. Der Chef der Stadtverwaltung habe seinen Mitarbeitern ein großzügiges Angebot gemacht: Jeder, der das Spiel gegen Spanien sehen wolle, könne sich freinehmen, man habe sowieso genug Überstunden auf dem Konto. 

Mein Praktikant hat da seine Zweifel: „Überstunden? Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Unsere Ämter öffnen um zehn und schließen um vier.“

Meine Tipps:

Argentinien - Südkorea 3:0
Griechenland - Nigeria 0:2
Frankreich - Mexiko 1:1

Dienstag, 15. Juni (Dritter Eintrag)
Der FC Bundestag macht's vor

Heute hat sich wieder die Arbeitsgruppe Sport und Ehrenamt meiner Fraktion getroffen. In dieser Runde besprechen wir, wie wir uns zu den Themen positionieren, die am Mittwochnachmittag auf der Tagesordnung des Sportausschusses stehen. Und natürlich geht es immer auch ein bisschen um die richtige Taktik und die Frage, was der politische Gegner plant. Wird die Opposition früh angreifen, um uns unter Druck zu setzen, oder setzt sie auf kontrollierte Offensive und lauert? Agiert sie mit kurzen oder langen Einwürfen?

Glücklicherweise haben wir einen erfahrenen Mannschaftskapitän. Klaus Riegert ist nicht nur seit 1994 der sportpolitische Sprecher der Unionsfraktion, sondern auch Spielführer des FC Bundestag. Wie groß die Kraft des Fußballs ist, Menschen zu verbinden, zeigt dieses Team. Da spielen Abgeordnete aus allen Fraktionen zusammen und sammeln Geld für soziale Projekte. 

Der FC Bundestag (weiße Trikots) in Aktion

Unsere Nationalelf kann sich vom FC Bundestag übrigens in einem Punkt etwas abschauen, es gibt da eine erstaunliche Parallele. Das Team von Jogi Löw muss in Südafrika nicht nur auf den verletzten Capitano Michael Ballack verzichten, es fehlen auch Heiko Westermann, Christian Träsch und René Adler. Dem FC Bundestag fehlte beim 38. Internationalen Parlamentarier-Fußballturnier Mitte Mai in Linz (Österreich) nicht nur Capitano Klaus Riegert. Auch andere Ausnahmespieler wie Bundestagspräsident Norbert Lammert, Ex-Verteidigungsminister Franz-Josef Jung und Innenexperte Wolfgang Bosbach waren nicht dabei. 

Trotzdem holte die Mannschaft den Titel.

Meine Tipps:

Neuseeland - Slowakei 1:2
Elfenbeinküste - Portugal 1:3
Brasilien - Nordkorea 6:0

Sonntag, 13. Juni (Zweiter Eintrag)
Jubel ja, Autokorso nein

Jawoll! 4:0! Traumstart!

Zugegeben, die Australier sind keine Weltmacht im Fußball – auch wenn sie einen Weltrekord halten. Am 11. April 2001 gewannen sie nämlich gegen Amerikanisch-Samoa mit 31:0 – ein gewisser Archie (eigentlich Archibald Gerald) Thompson traf allein 13-mal. Es ist der höchste Sieg aller Zeiten in einem Länderspiel. Solche ungemein wichtigen Fakten entnehme ich übrigens dem „Meine WM 2010“-Büchlein des Magazins 11 Freunde, das mich durchs Turnier bringen wird.

Mag sein, dass unsere Elf heute nur den schwächsten Gegner in der Gruppe besiegt hat – aber elegant sah es allemal aus. Und vier Tore in einem Spiel: Das sind doppelt so viele, wie die drei Großen Frankreich, England und Argentinien bisher zusammen erzielt haben – gegen Uruguay, die USA und Nigeria, gegen Mannschaften also, die ich auch nicht unbedingt zu den WM-Favoriten zähle.

So, die Skeptiker, Kritiker und Schwarzmaler müssen erst einmal schweigen. Nein, Bundestrainer Jogi Löw hat sich nicht vernominiert. Nein, seine Truppe ist nicht zu grünschnäbelig, obwohl sie die jüngste deutsche WM-Auswahl seit 1934 ist. Nein, Miroslav Klose und Lukas Podolski haben nicht vergessen, wo das Tor steht. 

                                                            Zeichnung: Daniel Schlierenzauer

Das Fernsehen zeigt gerade Bilder von Autokorsos. Ich halte mich noch zurück. Zum einen ist der Weg bis zum WM-Titel sehr, sehr weit. Zum anderen bin ich zu Hause im idyllischen Sehlsdorf - die Kühe, Hühner und Schweine hätten wahrscheinlich wenig Verständnis, wenn ich um diese Uhrzeit wild hupend durchs Dorf führe. 

Meine Tipps für Montag:

Niederlande - Dänemark 4:2
Japan - Kamerun 1:1
Italien - Paraguay 0:2
 

Sonnabend, 12. Juni (Erster Eintrag)
Großereignisfußballfans und versteckte Bienenstöcke

Ich bekenne es besser gleich am Anfang meines WM-Tagebuchs: Ja, ich bin ein Großereignisfußballfan. Natürlich verfolge ich, was die Vereine in meinem Wahlkreis machen, aber den richtig professionellen, den teuren Fußball mit den vielen Berühmtheiten erlebe ich bloß bei Welt- oder Europameisterschaften. Ich erzähle das nur, weil in meinem Berliner Büro zwei Männer arbeiten, die seit Februar alle Teams der WM 2010 grundlegend analysiert und sogar die Vorbereitungsspiele von Honduras ausgewertet haben. Dass Honduras in Südafrika überhaupt dabei ist, weiß ich wiederum seit gestern Nachmittag. Und mir ist auch klar, dass der Großereignisfußballfan bei Leuten, die noch jeden Zweitligakicker an der Schusstechnik erkennen, nicht den besten Ruf hat.

Hier ist trotzdem meine erste, noch vorsichtige Analyse nach fünf WM-Spielen mit sieben Toren:

  1. Es wird Zeit, dass die deutsche Elf ins Turnier startet. Und ich wünsche mir, obwohl Verteidigungspolitikerin, viele, viele Aussetzer in der Abwehr. Mir scheint, die Stürmer brauchen Hilfe. 
  2. Beim Eröffnungsspiel zwischen Südafrika und Mexiko am Freitagnachmittag – kurz nach dem Ende der Plenarsitzung – habe ich mich vor allem über das Brummen gewundert. Ja ja, diese Tröten, Vuvuzelas genannt, sind in Südafrika ungeheuer beliebt. In meinen Ohren klang der Ton aus dem Johannesburger Stadion, als habe jemand in meinem Bundestagsbüro drei Bienenstöcke versteckt. Ich werde mich wohl daran gewöhnen – und vielleicht schmerzen umgekehrt ja auch afrikanische Ohren, wenn sie die bierfeuchten Gesänge in europäischen Stadien hören müssen, wer weiß.

Für die nächsten vier Wochen verspreche ich an dieser Stelle einen packenden Offensivstil – und natürlich auch das eine oder andere Eigentor, wie es nur ein Großereignisfußballfan erzielen kann.

Meine Tipps:

Algerien - Slowenien 2:2
Serbien - Ghana 1:0
Deutschland - Australien 3:1